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Ich habe beschlossen, meine Geschichte hier Stück für Stück aufzuschreiben und zwar nicht als eine ellenlange permanente Hassmail und Rumgejammere, sondern einfach nur als die Dinge, die geschehen sind von meiner Seite aus gesehen. Sicher gehören da immer zwei dazu in einer Beziehung, sicher habe ich auch meinen Anteil an Dingen. Nur, meiner Meinung nach, bei manchen Menschen hat man von Anfang an nie eine Chance gehabt.

 

 

 

 

WIEDERTREFFEN

Ich bekomme eine email. Kürzlich hatte ich mich auf der Ehemaligenwebsite meines alten Gymnasiums eingetragen. Dort hatte ich die Oberstufe gemacht und das Abi tatsächlich geschafft, trotz widrigster Umstände. Es war eine tolle Schule und eine der wenigen guten Zeiten in meiner Jugend. Die mail ist von einem alten Schulkameraden. Wir kannten uns, seit wir ungefähr 16 waren und haben seitdem sowas wie eine gemeinsame Geschichte. Das Städtchen, wo wir herkommen, ist ja eher ein Kaff, wenn man sich da einmal begegnet ist und sich kennengelernt hat, sieht man sich immer wieder. Später hatten wir eine gemeinsame Band, unser gemeinsamer Gitarrenlehrer hatte mich dahin empfohlen, die suchten noch eine Sängerin.

Eigentlich war Singen gar nicht so mein Ding, aber besser als gar keine Musik machen. Ich wollte immer ein Instrument spielen, aber hatte in meiner Kindheit und Jugend keine Möglichkeit. Ich besass zwar eine Gitarre, das war aber eher ein GLO – Guitar Looking Object. Und Unterricht hatte ich auch nur paar Stunden mit einem Banjo, hatte das Gefühl, der Lehrer nimmt mich nicht ernst und dann war die Zahlungsbereitschaft meiner Mutter auch schon wieder erschöpft.
Irgendwann besorgte ich mir dann eine Westerngitarre, aber damals war das ganze Zeug sackteuer und lang nicht so gut wie heute. Die Gitarre war dann auch nicht sehr gut spielbar von der Saitenlage und oktavrein war sie auch nicht. Aber sie war wesentlich besser, als das GLO und ein bisschen Singer-Songwriter hatte ich dann auch rumprobiert, also hatte ich meine Stimme dann wenigstens schon mal benutzt.

Das Musikmachen als Mädchen war damals auch eine Sache für sich. Fast niemand wollte mit mir spielen, alle wollten mit mir ins Bett. Als meine damals beste Freundin dann zurück in die Staaten ging und ich niemanden mehr hatte, wo es tatsächlich ums Musikmachen ging und nicht ums Ficken, gab ich das Instrumentalmusizieren erst mal auf. Aber als Sängerin ist eine schöne junge Frau immer gefragt, auch wenn sie gar nicht so wahnsinnig gut singt. Hauptsache, sie kann den Ton halten und kommt einigermassen klar. Und sieht vor allem gut aus. Nun denn, ich schaute mir die Sache mal an und stellte fest, das war ja ganz nett und die Musiker waren alle sehr gut. Es war eine professionelle Coverband, die spielten die Top 40 und zeitlose Klassiker hoch und runter. Und ich wurde tatsächlich genommen und beschloss, hart an meinen gesanglichen Qualitäten zu arbeiten, weil es dann doch tatsächlich Spass machte. Er war der Gitarrist. Wir waren Kumpels, lockere Freunde, er war ein netter Kerl. Erbte dann sogar mal eine weinrote Cordhose von mir, das war damals der letzte Schrei. Hat auch mal bei mir übernachtet, als er sich ausgesperrt hatte, aber “passiert” war nie was. Freunde halt, nicht mehr. Einer der wenigen Jungs, die nicht versuchten, mich rumzukriegen und das fand ich mal sehr sehr angenehm. Wir trafen uns auch mal zum Musikmachen, spielten dann noch in einer anderen Band zusammen, in der ich aber nicht lange blieb. Der Bandleader wollte tatsächlich bei Einnahmen den Musikern 10% geben und den Sängerinnen 5% und das fand ich dermassen unverschämt, dass ich sofort ausstieg. Mir war auch unverständlich, dass die andere Sängerin sich das bieten liess, so unfair behandelt zu werden, vor allem, wo sie tatsächlich bei Auftritten das Highlight der ganzen Truppe war.

Später ging ich dann nach Berlin und wir verloren uns aus den Augen.

Nun bekam ich also ca. 20 Jahre später diese mail. Er hat mich halt auf der Ehemaligenseite gefunden und plant eine Reise nach Berlin in ein paar Monaten. Da könnte man sich doch mal treffen. Ich musste erst mal überlegen, dann kamen die Erinnerungen und dann freute ich mich – Mensch, der lebt noch, na klar, Treffen gerne und dem geht es anscheinend gut und er hat eine ganz interessante Gitarrenwebsite. Designmässig noch schlimmer als meine (sehr symphathisch), aber sowas von informativ und umfangreich, der Wahnsinn. Ich trage mich erst mal in seinen newsletter ein. Der Ton ist supernett, freundlich und ich freue mich ständig über die Mengen von Wissen und links, die er so völlig gratis verteilt. Aber eigentlich ist das schon fast zu viel. Darum trage ich mich dann irgendwann wieder aus.

Paar Monate später klingelt mein Telefon: “Hey, hier ist dein alter Musikerkollege … “ Fröhlich und munter, ich weiss erst gar nicht, wer dran ist trotzdem er seinen Namen sagt. Einige meiner Werkstattkunden heissen auch so. Er spricht so, als ob wir uns gestern noch gesehen hätten und ich frage mich verzweifelt, wer genau das ist. Wenn es einer meiner Kunden ist, ist das natürlich erst mal sackpeinlich, wenn ich nicht weiss, wer dran ist. Dann aber dämmert es mir und mir fällt ein Stein vom Herzen – ich muss nicht mehr so tun, als sei es das selbstverständlichste Telefonat der Welt und habe keine Angst mehr vor der Blamage, irgendwann doch noch nachfragen zu müssen, wer genau er denn jetzt sei. Ich wundere mich über seinen coolen Ton als ob wir nie weit voneinander entfernt gewesen seien. Aber naja, wir waren ja früher schon ganz gute Kumpels, man kannte sich halt und alte Bindungen sind dann schnell wieder da, die Distanz fehlt wohl. Es sind 20 Jahre vergangen, aber egal. Ich habe ja auch ein grosses Talent zur Distanzlosigkeit, grade in der Kreativbranche wird der Kumpelton sowieso geflegt und schliesslich kannten wir uns ja ganz gut. Eigentlich schön, wenn auf einmal eine alte Freundschaft reaktiviert wird. Er erzählt, dass er in der nächsten Zeit mit seinem Sohn eine Städtereise nach Berlin macht und würde sich gerne mit mir treffen. Natürlich interessiert ihn meine Werkstatt brennend, ich baue Gitarren und er ist Gitarrist, also verabreden wir uns gleich in meiner kleinen Hütte.

Er kommt rein und ich bin zuallererst ein klein wenig geschockt. Aus dem schmalen hübschen Jungen mit den langen Locken von damals ist ein älterer Herr mit dicken Backen geworden, dürre Beine in ausgebeulten, schlecht sitzenden verwaschenen 501, die Hosentaschen vollgestopft mit Kram,  darüber eine riesige Plautze unter einem labberigen beigen Hemd und eine eher furchtbare Altherrenjacke in dem gleichen gruseligen Rentnerfarbton. Eine Schirmmütze – die Haare sind wohl weg. Hinter ihm sein Sohn, 17jährig, ein ganz normaler aussehnder Junge in angesagten H&M-Klamotten, klein, dicklich. Ich bin in wenig enttäuscht, weil das Kind so normal, angepasst und bisschen bieder wirkt. Aber wahrscheinlich bin ich einfach zu arrogant nach 25 Jahren Berliner Szene und endlos vielen “coolen” Typen. Es können ja nicht alle megacoole Rockmusiker und superintelligent und “anders” sein …

Das Begrüssungshallo wirkt auf mich übermunter und aufgesetzt, so als ob er eine Schutzmauer aus Ich-bin-der-Grösste mitsamt seinem Riesenbauch auf nach aussen zeigenden Füssen vor sich herschiebt. Aber wenigstens hat er coole Schuhe an, Sneaker von Geox. Collegetreter oder Mokassins oder Bankerschuhe hätten dem ganzen dann wirklich noch die Krone aufgesetzt.

Ich schaue ihm in die Augen, die freundlichen verschiedenfarbigen Augen von früher und da ist er, der Junge von damals und mein Herz lacht.

 

 

 

WEIHNACHTEN I

Ich habe ihm eine alte Yairi restauriert, total abgerockt, Leisten fehlten, Decke gerissen, kaum noch Lack drauf, Decke wellaform. Aber es war mal eine wirklich schönes Instrument, eine alte japanische Klassikgitarre, Zederndecke, schöner Klang, warm und voll. Ich habe tagelang dran gearbeitet mit Liebe und Hingabe, um ihm eine Freude zu machen. Ich muss zugeben, viel anderes fiel mir gar nicht ein, er ist ja mit der Gitarre verwachsen – also noch eine schöne für den Instrumentenpark. Hoffentlich mag er sie!

Ich freue mich auf Weihnachten. Wir wollen es in Bonn bei seiner Familie verbringen. Das fühlt sich gut an, ich freue mich, dazuzugehören und fühle mich geehrt, dass ich aus Berlin dazustossen darf. Sonst habe ich hier in Berlin halt immer zugesehen, dass ich mir selber etwas organisiere. Oft habe ich Parties gemacht, fett gekocht mit Freunden, die Zimmerpalme mit den absurdesten Dingen zum Weihnachtsbaum geschmückt und natürlich waren Geschenke Pflicht, aber bitte keins teurer als 1 Euro. Man glaubt nicht, was man im 1-Euro-Laden alles so bekommen kann. Die Krönung war für mich einmal ein Schlüsselanhänger in einem vietnamesischen Krimskramsladen an der Danziger Strasse, in dessen Anhänger aus braunem durchsichtigen Kunststoff eine echte Kakerlake eingegossen war und zwar eine ordentliche, bestimmt drei Zentimeter lang. Wir haben Tränen gelacht und es gab auch noch viele andere, sehr absurde Geschenke. Klein, aber oho, billig, aber mit Mühe ausgesucht, das Verrückteste, Lustigste, Netteste und Schärfste überhaupt für einen Euro aufzutreiben und das bitte noch passend zur beschenkten Person.

Leider habe ich vergessen, wer die Kakerlake bekam, ich erinnere mich nur daran, dass wir beim Auspacken der Geschenke alle gröhlend unterm Tisch lagen, dass wir gerührt oder fasziniert waren, dass wir uns total gefreut haben … Ein wunderbarer Heiligabend mit lauter verrückten Berlinern, gutem Essen, toller Stimmung und überhaupt ein voller Erfolg. Aber dieses Jahr geht es eben nicht, neue Beziehung, grosse Liebe, das Gefühl tiefer Verbundenheit, mal sehen, wie das in Bonn so wird in einer “richtigen” Familie mit Mama und Papa und Schwestern und seinem Sohn. Ich habe natürlich auch so meine Klischees im Kopf von Familie und bestimmt auch eine Menge Wunschdenken: Nestwärme, Zugehörigkeit, schöne Geschenke, Tannenbaum. Da ihm seine Familie so wichtig ist, gehe ich einfach mal aus, dass die Gesamtfamilie sooo abstossend und furchtbar nicht sein kann und wir eine schönes Fest haben werden. Teilweise kenne ich sie ja schon. Klar weiss ich, dass auch diese Familie nicht frei von Problemen ist, aber wer ist das schon? Ich bin Optimistin. Und ich darf dazugehören!

Ich fliege aus Berlin nach Bonn. Weihnachten im Kreis seiner Familie ist schön, aber auch seltsam, ich fühle mich wie eine Art Fremdkörper, trotzdem wärmstens willkommen. Aber klar, dass alles um ihn kreist, ist ja seine Familie und er ist der Stammhalter, scherzhaft “der Erbprinz” mit zwei Schwestern, die werden aber nicht Prinzessin genannt.

Alle sind im Stress der letzten Vorbereitungen. Er hat mit seinem Sohn gemeinsam für diesen ein Smartphone ausgesucht, lang gesucht und Infos recherchiert, welches das beste ist und die besten Vertragsbedingungen usw. Ansonsten ist er ziemlich am Rotieren mit Freunden, irgendwas noch mit seiner Ex-Frau, alle möglichen Dinge in der Verwandtschaft müssen geregelt und geklärt und organisiert werden. Ich laufe da so mit und versuche, zu helfen, wo ich kann. Es ist schön, aber so richtig da drin bin ich nicht, ich komme mir schon so ein bisschen vor wie Deko. Aber ich bin ja auch ganz neu bei denen, von daher bin ich halt einfach da und amüsiere mich, so gut es geht. Immer positiv bleiben!

Dann ist die Bescherung. Mein Weihnachtsgeschenk ist sein alter Laptop, den ich so zwischen Tür und Angel überreicht bekomme vor der Fahrt zu einem Teil seiner Familie zur Weihnachtsparty. Ich habe nichts gegen gebrauchte Dinge, im Gegenteil, ich verwende alles, bis es zerfällt, oder ich verschenke oder verkaufe Sachen weiter, die ich nun wirklich gar nicht mehr verwende. Aber – dieser Laptop ist so dreckig, dass man fast sagen kann, der klebt. Die Festplatte ist knackvoll mit seinem ganzen Arbeitsmaterial, Berge von Programmen, Dateien, Chaos. In einem kleinen Eckchen kann ich wenigstens schon mal meine Internetprogramme unterbringen und den Schreibtischhintergrund von seinem grässlichen Dunkelrot auf eine für meinen Geschmack vernünftige Farbe umschalten. Ansonsten heisst es Warten, bis er dann Zeit hat, seine Sachen durchzusichten und alles zu sichern, damit ich endlich alles löschen kann und tatsächlich einen neuen Rechner habe. Am liebsten würde ich alles komplett neu machen, aber das geht nicht, weil er eben immer noch nicht dazu gekommen ist, seine Daten zu sichten und zu entscheiden, was weg kann und was nicht. Nach zwei Wochen schiebe ich alles auf eine seiner externen Festplatten, die er mir gibt, und spiele meine Sachen drauf. Nur das System mit vielen Programmen und weiss der Geier was noch ist noch das alte. Auch die Cookies von youporn sind noch alle da.

Später sage ich ihm, dass mich das sehr verletzt hat und auf mich sehr sehr lieblos wirkt, auch, sehen zu müssen, wie er sich um alle anderen kümmert und viel Zeit investiert, um seiner Familie eine Freude zu machen und ich gucke quasi in die Röhre. Ich habe trotzdem Verständnis, dass ich im familiären Stress und den Gewohnheiten quasi untergegangen bin. Trotzdem finde ich, so geht man nicht mit jemandem um, dem man so oft was erzählt von grosser Liebe und gemeinsam alt werden und all das. Er stimmt mir zu und erzählt mir von seiner ursprünglichen Idee, was er mir zu Weihnachten schenken wollte. Das hätte tatsächlich sehr gut gepasst und war eine super Idee, wurde eben nur leider nicht umgesetzt. Das bekomme ich dann “nachgeliefert”. Aber ich merke, dass ich diesen Gegenstand gar nicht mehr haben möchte und ein Riss in meinen Emotionen ist, den ich nicht schaffe, zu flicken. Ich rufe ihn an und ich muss heulen und sage ihm, dass ich das Ding nicht will, weil es mich doch nur an die Lieblosigkeit erinnert und es sich für mich anfühlt, wie ein Freikaufen. Ich bin traurig, dass ich es nicht schaffe, meine Emotionen in den Griff zu bekommen und ihm keine Chance zur Wiedergutmachung gebe, bzw. die Wiedergutmachung nicht klappt.

 

 

 

GELD

Ich habe die letzten Jahre wie eine Blöde geackert und langsam läuft meine kleine Firma. Ich bin stolz darauf, in einer Männerdomäne mich ohne Startkapital und Werbung durchgesetzt zu haben und von meiner Hände Arbeit schon mal leben zu können. Meines Wissens nach mache ich in der Branche mit einem professionellen Betrieb bundesweit die Quote. Hätte ich nicht gedacht, irgendwo noch die Erste sein zu können in der heutigen Zeit, aber es scheint tatsächlich so zu sein. Nach meinen Versuchen, Praktika oder Jobs zu bekommen, weiss ich aber auch warum. Was ich kann, habe ich mir letztendlich grösstenteils selber beigebracht. Zum Glück gibt es das Internet und ich bin nicht mehr auf die Gnade alter Säcke angewiesen und ihre Besetzungscouch können die auch anderweitig belegen. Das Wissen verschaffe ich mir selber und lerne mit der Methode “learning by doing” an bei ebay ersteigerten Versuchsobjekten. Klappt auch und das sehr gut.

Reich bin ich nicht und weiss nie so genau, wo die nächste Miete herkommt, krank werden darf ich auch nicht, aber ich bin auf kein ALG oder andere Transferleistungen angewiesen. Und es kann ja nur besser werden!

Aber ich würde gerne noch den Verkauf ankurbeln, mehr Verkauf und weniger Dienstleistung bedeutet in meinem Fall, weniger Arbeit mit den Händen und weniger physische Belastung – endlich mal nicht mehr Hobelnsägenfeilenschleppenbauenschraubenstemmen sondern einfach nur sitzen, denken, planen, verkaufen, mit Leuten schnacken und nur noch ab und an schuften zu müssen und vor allem auch nicht jeden Mistauftrag annehmen zu müssen. Welch herrliche Vorstellung! Ich habe ja nichts gegen Arbeit, auch nicht gegen harte körperliche Arbeit – die ist für mich Sport, aber alles hat doch seine Grenzen und die letzten Jahre waren einfach zu viel. Meine Hände wollen nicht mehr, mein Körper, meine Sehnen und Gelenke protestieren. Ich kann immer noch relativ locker 40kg heben, aber trotzdem reicht es einfach. Und dann ist da ja auch noch meine Musik und meine Kunst, für die ich vielleicht auch mal gerne wieder mehr Zeit und Entspannung hätte? Handwerkliche Arbeit ist der Sache nicht sehr förderlich auf die Dauer, die Hände werden hart und steif und abends ist man einfach zu tot für alles und wenn es noch so toll ist, Dinge mit den eigenen Händen entstehen zu lassen. Irgendwann muss man auch mal wieder was Anderes entstehen lassen, etwas Geistiges, Metaphysisches, Virtuelles …

Er macht mir von sich aus den Vorschlag, mir Geld zu leihen für den Wareneinkauf, damit ich ein paar Sachen mehr kaufen kann und dann der Handel schneller in Gang kommt. Ohne Startkapital ist es halt doch sehr schwierig, ich krebse immer noch herum und lebe von der Hand in den Mund. Manchmal bin ich erstaunt, dass ich überhaupt so weit gekommen bin ohne einen Cent für den Anfang ausser halt den Unterhalt vom Jobcenter im ersten Jahr der Selbstständigkeit mit dieser Firma. Eine Ehefrau, die mir den Rücken im Haushalt und emotional freihält, habe ich auch nicht. Das wäre super, aber leider bin ich ja die Frau und ich habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, dass das, was die Frauen für die Männer tun, andersrum leider eher nicht funktioniert. Im Gegenteil, meistens bekommt man zum eigenen Stress noch den des grade gültigen Lebensabschnittsgefährten obendraufgepackt.

Da er auch aus der Branche ist, weiss er wohl, was ein paar Sachen mehr ungefähr kosten würden. Ich bin sehr sehr dankbar über das Angebot, Geld auch zum Verleih anzubieten ist ja nun nicht selbstverständlich. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob es für unsere Beziehung gut ist, wenn da Geld ins Spiel kommt, wir sind nun schon ungefähr neun Monate zusammen, aber das ist ja noch nicht sooooo lange, auch wenn wir uns in der Jugend kannten und befreundet waren, ein gemeinsames Projekt hatten und auf die gleiche Schule gingen. Dazwischen liegen eben aber über 20 Jahre und ich weiss, dass er in Bezug auf Geld komisch ist, teilweise in meinen Augen schon leicht paranoid. Ich finde, Existenzängste muss man in unserer Gesellschaft eher nicht haben, zum Obdachlosen zu werden ist schon ziemlich schwierig, da muss man mehr Probleme haben als wir. Aber trotzdem kann ich das nachvollziehen, dann selbstständig sein ist hart und in dem Haifischbecken unserer Branche noch härter. Ich erbitte mir Bedenkzeit, eben mit der Begründung, ob das wirklich gut für uns ist.

Nach zwei Tagen Nachdenken komme ich zu dem Entschluss, das Angebot anzunehmen. Ich denke, warum eigentlich nicht, schliesslich hat er das von sich aus angeboten und es ist ja ein Darlehen und kein Geschenk und zurückbekommen wird es es mit Sicherheit, denn die Dienstleistung in meiner Firma läuft ja, so dass auf jeden Fall Geld reinkommt, auch wenn der Verkauf dann doch gegen meine Erwartungen schleppend anläuft. Eigentlich besteht diese Gefahr auch nicht, die Leute kaufen ja, nur ich muss halt immer Kleinstmengen bestellen und dann verdient man kaum was, aber hat einen grossen Aufwand, halt jeden Gegenstand einzeln bestellen, Versandkosten, Auspacken usw.. Und das möchte ich definitiv ändern. Einmal bestellen, einmal Versand zahlen, auspacken, hinstellen, zum Verkaufen eine Zeitlang einfach nur hinter sich greifen müssen.

Also, ich sollte mich glücklich schätzen, dass er mir helfen will und nicht zögern. Hilfe sollte man ja auch annehmen können und es ist gut und lieb gemeint. Er sagt ja ständig, er will nicht nur mein Liebster, sondern auch mein Freund sein, er will, dass es mir gut geht und ich wachse. Da kann ich ja schon mal die Firma wachsen lassen, ich folge dann mit mir und meiner Kunst und Musik, wenn ich weniger Stress habe. Ich sollte mich nicht so anstellen, sondern einfach dankbar sein und mich freuen!

Ich habe gerechnet, wieviel ich brauchen würde, den geringstmöglichen Betrag, der mir überhaupt was bringt, ohne seine Grosszügigkeit überzustrapazieren. Ich schiebe die Zahlen hin- und her und überlege, welche Sachen ich wo kaufe und wie ich den besten Gewinn damit machen kann. Ich möchte natürlich dann so schnell wie möglich das geliehene Geld zurückzahlen. Ich komme auf 1500,- die mich wirklich weiterbringen würden, wenn alles so läuft, wie ich mir das vorstelle. Da bisher alles so gelaufen ist in meinem kleinen Laden, wie ich das geplant habe, sehe ich keinerlei Grund warum das nicht weiterhin so laufen sollte. Ich bin ja nicht blöd und meine Pläne sind gut durchdacht. Und so viel ist das ja nicht, so dass auch die schnelle Rückzahlung kein Problem ist.

Ich rufe ihn an, immer noch glücklich über sein Angebot und dass ich so einen tollen Freund habe, der mir tatsächlich konkret helfen will, bisschen besser auf die Füsse zu kommen in meinem Business. Ich habe auch keinerlei schlechtes Gewissen, da nur auf seinem Sparkonto eine Summe meines zweieinhalbfaches Jahreseinkommen liegt und sein Geschäft richtig gut läuft und ein schönes Einkommen abwirft. Er verdient ungefährdas Fünffache meines Jahreseinkommens. Klar hat er auch einen Unkostenapperat an den Füssen genau wie ich und sein 17jähriges Kind will auch gefüttert werden. Kids in dem Alter kosten. Aber sein Einkommen und meins sind kein Vergleich, nur der Unkostenapperat, der ist genau so fett. Er wird also wegen mir nicht am Hungertuch nagen und muss sich und seinem Sohn nichts aus den Rippen schneiden und mir hilft es sehr viel weiter. In Relation zu seinem Besitz ist 1500,-  wirklich nicht viel, aber der Effekt könnte super für mich sein. Ich freue mich.

Ich rufe ihn an. Er geht ans Telefon, ich freue mich und sprudele heraus: “Du, ich habe über dein Angebot nachgedacht und würde es annehmen. Ich bräuchte so 1500,- und dann könnte ich …” Er geht sofort total ab, ich kann nicht mal den Satz zu Ende bringen: “Waaaaaaaaaas????? So viel Geld???? Das geht doch GAR nicht, vielleicht 100,- kannst du haben, naja, vielleicht noch 150,- , aber allerhöchstens ….” so als ob ich unglaublich unverschämte Ansprüche an ihn hätte und das Geld geschenkt haben wollte. Ich fühle mich wie vor den Kopf geschlagen, er ist doch aus der Branche und weiss, dass 100,- oder 150,- mir überhaupt nicht weiterhelfen, dafür bekomme ich nicht mal einen halben Gegenstand von dem, was ich brauche. Ich bin völlig baff, gleichzeitig steigt in mir ein tiefes Schamgefühl auf ob seiner heftigen Reaktion, als ob ich tatsächlich gierig und unverschämt sei. Ich stottere herum und sage: “Aber du weisst doch, was die Dinge kosten, DU hast mir doch von dir aus angeboten, mir Geld zu leihen, damit ich ein paar Sachen kaufen kann und jetzt lässt du mich hier so abblitzen, als ob ich das unverschämteste Ansinnen der Welt stelle?!” Sein Verhalten tut mir wirklich weh, ich fühle mich, als ob er mich in eine Falle hat laufen lassen, erst was anbieten und dann, wenn ich es annehmen möchte, sich aufzuregen? Klar, wir hatte nicht über eine konkrete Summe gesprochen, aber er kennt sich ja aus in der Branche und 100,- anzubieten ist einfach ein Witz.

Ich werde langsam sauer und frage ihn, was das soll, mir erst ein grosszügiges Angebot zu machen und dann plötzlich so zu tun, als wäre ich Frau Gier in Person! Dann solle er mir einfach nicht so ein Angebot machen, vielleicht vorher mal besser überlegen, was er sagt? Und vor allem auch, in welchem Ton er dann mit mir spricht? Er kann ja sagen, es täte ihm leid, dass er es sich doch anders überlegt habe oder nicht so konkret über die Summe nachgedacht hat, die er mir dann tatsächlich geben müsste, damit das Ganze Sinn macht und er jetzt noch mal Bedenkzeit braucht, aber mich so anzuraunzen, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte, das geht einfach gar nicht.

Ansonsten – er hat mir Hilfe versprochen, von sich aus, dann soll er bitte auch zu seinem Wort stehen. Letztendlich hat er ein Einsehen, aber zwischen uns ist ein Riss. Ich bekomme das Geld und zahle es schnell wieder zurück, meiner Firma hilft es, aber eigentlich wäre es mir lieber gewesen, er hätte es nie angeboten und ich hätte es nie genommen. In dem Moment als die Sache von seiner Seite aus das erste Mal zu Sprache kam, sass ich ja schon in der Falle. Hätte ich es nicht genommen, als er es mir dann doch geben wollte, hätte ich mich selber geschädigt und mir später dann anhören dürfen, ich sei ja selber schuld an der zu vielen Arbeit – ich hätte mich ja nicht so anstellen brauchen und das Geld nehmen können. Nachdem ich genommen hatte, fühlte ich mich schlecht, eine Bettlerin, die nur auf Geld scharf ist und der man nicht trauen kann, weil er mir ja gezeigt hatte, wie unglaublich viel für ihn diese kleine Summe auf einmal war.

Im Nachhinein denke ich, so fühlt sich wohl Manipulation an. Ob bewusst oder unbewusst, das Ergebnis zählt und er hat mich emotional voll ins Messer laufen lassen. Beim ersten Wort seines tollen Angebotes hatte ich keine Chance, da heil rauszukommen. Entweder ich verzichte und verhalte mich selbstschädigend, oder ich gehe halt in die Falle, in der ich dann aus heiterem Himmel völlig rundgemacht werde ob meiner welcher auch immer entsetzlichen Charaktereigenschaften und Vorstellungen.

 

 

 

NEUES ZIMMER

Ich bin noch in diesen ganzen Listen drin von verschiedenen Filmproduktionen, obwohl ich schon länger nicht mehr in diesem Business arbeite. Aber bevor man da völlig verschwindet, das dauert halt seine Zeit.

Ich bekomme einen Anruf von der Produktion für “Die Einrichter”, so eine Dokusoap, wo man seine Wohnung neu eingerichtet bekommt, dabei gefilmt wird und dann damit leben muss, dass man auf RTL oder so zu sehen ist. Dafür gibt es ein Budget für Möbel und ein Team fürs Einrichten, insgesamt sind das sicher paar tausend Euro. Sie suchen dringend noch eine Location zum Umbauen mit Bewohnerschaft natürlich, da jemand abgesprungen ist. Der Drehtermin wäre eine Woche oder 10 Tage später, also wirklich ziemlich kurzfristig. Ich freue mich! Das passt perfekt – neue Wohnung, grosses schönes Zimmer, frisch renoviert, grade eingezogen und meine eigene Energie ist einfach mal völlig erschöpft und pleite bin ich auch.

Da ich nie Geld habe, lebe ich immer noch Studentenstyle, Regale aus Weinkisten und Brettern, ein Sammelsurium von Einrichtungsgegenständen und natürlich ist das damit auch schwierig, Ordnung zu halten. Mir fehlt einfach irgendein Möbelstück mit vielen Schubladen oder Fächern oder sowas. Aber es hat schon eine eigene Art von Stil, auch wenn mir das Improvisierte doch manchmal auf die Nerven geht. Und ich schätze, das Vorher-Nachher wäre ein gefundenes Fressen für die Filmer und muss dabei über mich selber und mein verrücktes Zimmer lachen.

Ich sage der Anruferin, dass ich prinzipiell der Sache positiv gesonnen gegenüberstehe, dass ich mich mich sehr freuen würde über ein neues Zimmer, das mich nichts kostet ausser paar Tage Stress. Da ich selber beim Film gearbeitet habe, weiss ich, was auch mich zukäme – aber hey, no problem! Alles was wichtig, privat, peinlich etc. ist, in einem Raum verstecken, zuschliessen und dann kann die Belagerung losgehen. Wir haben ja vier Zimmer zu zweit, das ist eh voll der Luxus, da machen wir halt eins dicht.

Aber ich muss noch mit meinem Freund reden, der wohnt ja auch hier und da müssen wir das vernünftig planen. Also sage ich der Producerin, dass ich mich so schnell wie möglich zurückmelde, spätestens am nächsten Tag. Ich möchte das wirklich gerne machen, denn im Gegensatz zu ihm – er hat wesentlich mehr Geld als ich – kann ich nicht einfach in den Möbelladen gehen und mir kaufen, was ich brauche oder mir gefällt. So ist das für mich eine Riesenchance, endlich mal ein paar funktionale und vielleicht sogar schöne Möbel zu bekommen und dann gibt es sogar eine Innenarchitektin, mit der ich das alles gemeinsam planen kann und ein Team, die mir das einrichten!

Vor meinem inneren Auge entsteht schon ein gemütliches Zimmer mit mindestens einem Möbelstück, in dem man unendlich viel Kleinkram verstauen kann und in dem endlich nicht mehr tausend Dinge im Weg rumfliegen. Wenn das Zeug nicht optimal ist, kann ich das dann ja nachher noch mal umräumen, umdekorieren, verändern. Die Wohnung an sich ist sehr schön geworden, in einer Riesenaktion habe ich aus einer verranzten, dreckigen WG-Butze von 100qm eine schicke Hütte gezaubert, renoviert und geackert inklusive Bodenschleifen. Zum Glück mit Hilfe, sonst wäre ich wahrscheinlich irgendwann zusammengebrochen …

Ich spreche ihn in der Küche an, als er nach Hause gekommen ist: “Du, ich habe da so ein Angebot…” und erkläre, um was es geht. Er hört nur “Filmteam” und geht sofort total ab: “Geht gar nicht, spinnst du, man weiss ja, wie das ist, Chaos pur, ich muss hier arbeiten, unmöglich – “ und das in einem Ton, als hätte ich die totale Macke und von ihm verlangt, mindestens drei Wochen auf der Strasse schlafen zu müssen und zu dulden, wie Fremde SEINE Wohnung okkupieren und verwüsten – die Wohnung, die ICH alleine in Berlin für uns beide gesucht, gefunden und renoviert habe, da er noch in der anderen Stadt seine alte Wohnung abwickeln musste. Dabei geht es doch grade mal um drei Tage und er muss ja gar nicht mitmachen, sondern könnte sich in seinem Zimmer verstecken.

Es ist nicht möglich, ihm zu erklären, wieviel mir daran liegt und wie toll das für mich wäre, für umme ein komplett neu eingerichtetes Zimmer und Möbel zu bekommen. Klar, nothing is for free, aber die drei Tage hätte ich schon durchgestanden und wenn ich dann im Fernsehen zu sehen bin, so what? Es gibt Schlimmeres. So hässlich und peinlich bin ich ja nun wirklich nicht. Aber er macht komplett dicht und bleibt bei seinem strikten Nein, meine Bedürfnisse interessieren ihn nicht die Bohne in dem Moment.

Ich fühle mich von ihm behandelt, als sei er der Papa und ich das unverschämte Kind mit völlig überzogenen Ansprüchen. Er ist dermassen sauer ob meines Ansinnens, als sei allein die Frage oder überhaupt der Wunsch schon die totale Unverschämtheit. Ich versuche, zu diskutieren, aber es ist zwecklos, ich fühle mich, als ob ich in eine Wand laufe.

Fühlt sich auch nicht so gut an, gönnt er mir denn gar nichts? Sieht er denn überhaupt nicht meine Situation, vor allem die finanzielle? Interessiert ihn das denn gar nicht? Ich bin doch ein eigener Mensch mit eigenen Bedürfnissen und nicht einer seiner Einrichtungsgegenstände, die er nach Belieben an- und abschalten kann! Darf ich denn nicht die Chance auf ein schönes Zimmer wahrnehmen, vor allem, nachdem ich mir für die gemeinsame Wohnung dermassen den A…. aufgerissen habe? Ich verstehe, dass er sich nicht durchschneiden kann, um zu helfen, mit der alten Wohnung voll mit Zeug an der Backe und dann sind ja auch noch 600 km dazwischen und ich dachte, dann packe ich erst mal zu, er kann sich ja dann später bei der finalen Einrichtung einbringen.

Also hatte ich nach  langen Arbeitstagen in meiner Firma  noch bis nachts um 1:00 in der neuen Bude geackert, SEIN Zimmer zuerst perfekt fertig gemalert inklusive Fussleisten lackieren, damit er nicht in eine Baustelle ziehen muss wenn er kommt mit seinem ganzen Geröll! Vor meinem Zimmer habe ich zuerst Küche und Bad einigermassen funktionabel gemacht, dass beide Räume wenigstens benutzbar sind mit angeschlossener Waschmaschine und aufgestellten Küchensachen. Jetzt, wo ich auch eine Chance auf ein tolles Zimmer hätte ohne Geld, da darf ich das nicht bekommen? Ich habe hier wochenlang Chaos und Stress gehabt für die gemeinsame Wohnung und er will nicht mal drei Tage ertragen für mich, wo ich für ihn so viel gemacht habe? Normalerweise hätte man diese Wohnung zu zweit renoviert! Und nun kommt er, setzt sich ins gemachte Nest und ich falle hinten runter.

Ich sage die ganze Sache ab, ich hätte ja gleich am selben oder spätestens nächstenTag zusagen müssen. Bei seiner heftigen Reaktion traue ich mich auch nicht mehr, das Thema noch mal anzusprechen und ihn zu bitten, doch noch mal drüber nachzudenken und ob wir nicht in einem ruhigen Ton darüber sprechen könnten. Völlig fertig von dem ganzen Stress in den Wochen vorher habe ich dafür einfach keine Energie mehr.

Paar Tage später kommt er zu mir und schlägt vor, er könne ja dann zu seinen Eltern oder seinem Sohn fahren, wenn die da sind. Er hat dann wohl doch ein schlechtes Gewissen. Ich sage nur: die Chance ist weg, ich hätte gleich zusagen müssen. Er sagt nichts.

Irgendwann viel später bezeichnet er dann meine Möbel als “Sperrmüllstyle”.

 

WEIHNACHTEN II

Es ist kurz vor Weihnachten, alle ertrinken in den Tagen vorher im Stress. Ich rotiere in der Werkstatt, Kundenaufträge ohne Ende, alle wollen noch was schnell auf den letzten Drücker.  Wir liegen alle in den letzten Zügen und ich mache Nachtschichten, um sein Weihnachtsgeschenk fertig zu bekommen, wieder ein altes Instrument aus meiner Sammlung, eine Gitarrenlaute, die ich in tagelanger Arbeit restauriere. Ich arbeite mit Liebe und Hingabe für den wichtigsten Menschen in meinem Leben und hoffe, dass ihm das Instrument gefällt und er es gerne spielen wird. Und dass er nicht ingeheim denkt: schon wieder so ne alte Gurke …

Ich mache noch einen Berg von seinen Gitarren fit, Bünde abrichten, Setup usw etc pp, damit sein Geld nicht der Steuer anheimfällt, sondern auf meinem Konto landet. Eigentlich ist mir das alles zu viel und seine Steuer ist mir auch bisschen egal ganz ehrlich, aber so bleibt eben doch das Geld “in der Familie” und ich habe noch ein kleines Polster. Aber wie gesagt, ich habe mehr als genug Arbeit und habe das Gefühl, ich kippe bald um.

Weihnachten sollen wir wieder bei ihm bzw. seiner Familie verbringen, in unserer gemeinsamen alten Heimatstadt. Er ist schon vorgefahren, ich soll nachkommen. Eigentlich wäre es mir lieber gewesen, wir wären in Berlin geblieben, wir waren ja schon das Jahr vorher in Bonn. Aber er argumentiert mit den kranken alten Eltern, von denen keiner weiss, wie lange die noch unter uns sind. Also akzeptiere ich zähneknirschend, dass ich die Wahl habe zwischen Bonn oder alleine. Alleine eine Weihnachsparty mit meinen Freunden zu machen oder mir irgendwas in Berlin zu suchen, finde ich nicht so der Brüller. Also buche ich einen Flug für Heiligabend.

Heiligabend ist Eis und Schnee. Nichts geht mehr. Ich fahre trotzdem zum Flughafen in der Hoffnung, dass das Wetter sich bessert. Natürlich bessert sich gar nichts und nach stundenlangem Warten ist klar, dass nichts mehr fliegt und der Flughafen wird geschlossen. Ich fahre nach Hause, mit den paar letzten Übriggebliebenen in der fast leeren S-Bahn. Nichts hat mehr offen, mein Kühlschrank ist leer, ich habe nicht mal mehr Milch für den Morgenkaffee. Ich gehe zum türkischen Bäcker nebenan, wo die Verkäuferin grade die letzten Ecke der Ablage blitzeblank poliert und frage, ob sie vielleicht einen Liter Milch unter den Backvorräten hätte. Ich erkläre ihr die Situation – Heiligabend alleine … Sie gibt mir eine Tüte Aldi-H-Milch und weist empört jegliche Bezahlung über ihrem Einkaufspreis von sich und wünscht mir eine schöne Zeit, voller Mitgefühl und so nett, dass mir fast die Tränen kommen. Zum Glück kann ich die zurückhalten, bis ich alleine in der Wohnung bin.

Alleine in der Wohnung telefoniere ich mit ihm. Er ist nicht bei seinen Eltern, sondern bei einer seiner Schwestern auf einer Weihnachtsparty. Im Hintergrund das Lachen und Scherzen vieler Menschen.

Ich mache mir eine Flasche Wein auf und betrinke mich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiterführende links, die es meiner Meinung nach auf den Punkt bringen:

Zuerst einmal dieser Artikel hier. Wenn ich Zeit habe, werde ich ihn übersetzen. http://thoughtcatalog.com/shahida-arabi/2016/06/20-diversion-tactics-highly-manipulative-narcissists-sociopaths-and-psychopaths-use-to-silence-you/

Dann dieser Artikel hier, so ziemlich genau lief das auch bei mir ab: http://www.em-life-forum.de/seiten/frauenwelten/beziehungsverlauf_aus_ihrer_sicht.html

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