{"id":144,"date":"2015-01-20T14:59:20","date_gmt":"2015-01-20T12:59:20","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.personanongrata.de\/?p=144"},"modified":"2019-07-11T16:34:47","modified_gmt":"2019-07-11T14:34:47","slug":"yersinia-pestis-ein-schwank-aus-meinem-berliner-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.personanongrata.de\/?p=144","title":{"rendered":"Yersinia Pestis &#8211; ein Schwank aus meinem Berliner Leben"},"content":{"rendered":"<p>Ich stehe irgendwo in Sch\u00f6neberg in einem U-Bahnhof. Berliner Winter, nicht richtig kalt, aber driesselig-feucht, die Luft schmeckt nach Dreck und Stadt, schleimig und stickig mit U-Bahnger\u00fcchen ges\u00e4ttigt. Sie zieht in Mund, Nase und Rachen, fast als ob die Unterwelt der BVG mit kalten klammen Fingern in dich reingreift und dich mit ihrem nassen Nebel f\u00fcttert. Lutschbare Luft, aufsteigend von nassem Beton mit einem Hauch von G\u00fclle, \u00e4hnlich wie im Schweine-KZ oder im alten Tacheles nach einer durchfeierten Nacht.<\/p>\n<p>Im U-Bahnhof bin ich froh, wenigstens aus dem feuchtkalten Fieselregen raus zu sein. Es ist fr\u00fcher Nachmittag und nix los, tote Hose, kein Mensch auf dem d\u00fcsteren Bahnsteig, wahrscheinlich alle im Sauberen in warmen Wohnungen trocken und sicher im Winterschlaf. Die richtige Zeit, von Palmen zu tr\u00e4umen, aber wahrscheinlich stehen selbst die im Nebel.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.personanongrata.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/palmenimnebel.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-145\" src=\"http:\/\/blog.personanongrata.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/palmenimnebel-300x205.jpg\" alt=\"palmenimnebel\" width=\"300\" height=\"205\" \/><\/a><strong>\u00a9 M. Hartmann<\/strong><br \/>\nDie U-Bahn schiebt eine dr\u00f6hnende Wolke eisengeschw\u00e4ngerte Tunnelluft vor sich her, f\u00e4hrt ein und kommt zum Stehen.<\/p>\n<p>Der Waggon direkt vor meiner Nase ist anscheinend leer wie der Bahnhof. Ich ziehe die T\u00fcren auf, steige in die Stille ein und ein freudiges Grinsen breitet sich auf meinem Gesicht aus. Der ganze Waggon, alles meins &#8211; meins &#8211; meins?! Ich kann mich hinsetzen, wohin ich will! Hinter meinem R\u00fccken schliesst sich die Doppelt\u00fcr mit einem dumpfen Bums und Pffffffffffffffffffft. In dem Moment steigt mir etwas in die Nase.<\/p>\n<p>Etwas wirklich Schlimmes. Mein Grinsen wird zur Grimasse.<\/p>\n<p>Die Bahn f\u00e4hrt los. Ich versuche, flach zu atmen, oh quelle odeur, o quelle <span id=\"result_box\" class=\"short_text\" lang=\"fr\"><span class=\"hps\">ar\u00f4me<\/span><\/span>, Yersinia Pestis, so wenig wie m\u00f6glich davon in mich hineinlassen, dr\u00fccke mich mit dem R\u00fccken gegen die T\u00fcr, denke, oh mein Gott, was ist das??? Ich ziehe den Schal \u00fcber Mund und Nase, beuge mich vor mit suchendem Blick und sehe auf der langen Bank in der Mitte des Waggons einen Obdachlosen liegen. Er schl\u00e4ft den Schlaf des Gerechten und riecht dermassen unglaublich, so etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gerochen. Scheisse, Schnaps, F\u00e4kalien, F\u00e4ulnis, Kacke, K\u00f6rper, Pisse, Leiche. Gifthauch, Pestilenz, Verwesung, Verrottung, Grab und Gruft, the Living Dead haben ihr Lager in der Berliner U-Bahn. Ich habe mich wohl get\u00e4uscht &#8211; nix meins, meins, meins, hier verteidigt einer sein Revier besser als alle, dagegen kann wirklich keine anstinken.<\/p>\n<p>Ich drehe instinktiv den Kopf hin und her, wohl ein tief in mir liegender roher Reflex, steinzeitliche Suche nach dem Fluchtweg aus der geruchsintensiven H\u00f6hle des B\u00e4ren, in die ich aus Versehen grade gestolpert bin und den ich auf gar keinen Fall aus dem Winterschlaf wecken will. Nat\u00fcrlich gibt es bis zum n\u00e4chsten Bahnhof keinen Weg hier weg.<\/p>\n<p>Panik in mein Gesicht gegraben schaue ich durch die Verbindungsfenster zum n\u00e4chsten Waggon. Auf dem mittleren Sitzplatz der Bank am Zwischenfenster sitzt eine asiatische Frau eingeklemmt zwischen zwei Berliner Muttis. Wir sehen uns an und ich sehe in ihren dunklen schr\u00e4gen Augen das Funkeln des Lachens aufsteigen, sie beisst die Z\u00e4hne zusammen, beherrscht sich, und ich weiss, sie war grade eben auch hier drin.<\/p>\n<p>Ich halte die Luft an.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Bahnhof reisse ich die T\u00fcr auf, bloss raus hier mit einem Riesensatz, Luft, echte Luft in meinen Lungen! Ich reisse den Atem in tiefen Z\u00fcgen in meinen K\u00f6rper und sprinte in den n\u00e4chsten Waggon.\u00a0 Der ist allerdings ziemlich voll.\u00a0 Aber es ist genau noch ein Sitzplatz frei, gegen\u00fcber der Asiatin im Abteil am Zwischenfenster. Ich dr\u00e4ngel durch und lasse mich auf die Bank plumpsen. Wir sitzen uns gegen\u00fcber auf den Mittelpl\u00e4tzen eingeklemmt zwischen umfangreichen Sitznachbarinnen und ihren T\u00fcten und Taschen. Wir sehen uns ins Gesicht, ihre asiatische Selbstbeherrschungsh\u00fclle platzt und wir fangen beide an, haltlos zu lachen wie die Irren. Die nichtsahnenden Umstehenden wenden die K\u00f6pfe, wundern sich, starren auf uns und weichen zur\u00fcck soweit das im Gedr\u00e4nge m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich sind wir auch gar nicht mehr eingeklemmt auf unseren Mittelpl\u00e4tzen, die Berliner Muttis hatten eine zauberische Millisekundenschlankheitskur, sie sind ganz pl\u00f6tzlich ganz schmal und touchieren nur noch die Wand sehr intensiv, uns nicht mehr. Wahrscheinlich denken alle, wir ziehen jetzt gleich die Messer raus, sind aus Bonnies Ranch, abgehauen aus der Forensischen, gemeingef\u00e4hrliche Irre. Weinen, leiden in der \u00d6ffentlichkeit ist ja okay, das bringt Mitleid, Verst\u00e4ndnis, ist normal, aber Lachen? Laut, wild, zwei fremde Frauen, ohne Worte, ohne offensichtlichen Anlass, eine davon auch noch migrationshintergr\u00fcndisch?<\/p>\n<p>Ich muss so lachen, dass ich mich fast verschlucke.<\/p>\n<p>Wir versuchen beide, uns wieder einzukriegen, l\u00f6sen den Blick voneinander und schauen durch die Scheibe in den anderen Waggon. Die Bahn ist grade ratternd und rumpelnd in den n\u00e4chsten Bahnhof eingefahren. Ein Typ steigt in den Nachbarwaggon, mit einem grossen freudigen Grinsen im Gesicht: &#8220;Der ganze Waggon, alles meins &#8211; meins &#8211; meins?! Ich kann mich hinsetzen, wohin ich will!&#8221; Hinter seinem R\u00fccken schliesst sich die Doppelt\u00fcr mit einem dumpfen Bums und Pffffffffffffffffffft. In dem Moment steigt ihm etwas in die Nase.<\/p>\n<p>Etwas wirklich Schlimmes. Sein Grinsen wird zur Grimasse.<\/p>\n<p>Die Bahn f\u00e4hrt los. Er versucht, flach zu atmen, oh quelle odeur, o quelle <span id=\"result_box\" class=\"short_text\" lang=\"fr\"><span class=\"hps\">ar\u00f4me<\/span><\/span>, Yersinia Pestis, so wenig wie m\u00f6glich davon in sich hineinlassen, er dr\u00fcckt sich mit dem R\u00fccken gegen die T\u00fcr, denkt, oh mein Gott, was ist das??? Zieht den Schal \u00fcber Mund und Nase, beugt sich vor mit suchendem Blick und sieht auf der langen Bank in der Mitte des Waggons den schlafenden B\u00e4ren.\u00a0 So etwas hat er in seinem Leben noch nicht gerochen. Scheisse, Schnaps, F\u00e4kalien, F\u00e4ulnis, Kacke, K\u00f6rper, Pisse, Leiche. Gifthauch, Pestilenz, Verwesung, Verrottung, Grab und Gruft, the Living Dead im Geruchspanzer. Er hat sich wohl get\u00e4uscht &#8211; nix meins, meins, meins, hier verteidigt einer sein Revier besser als alle, dagegen kann wirklich keiner anstinken.<\/p>\n<p>Er wirft einen verzweifelten Blick durch die Scheibe in unseren Waggon. Die Blicke treffen sich.<\/p>\n<p>Unser Gel\u00e4chter wird hysterisch, Hy\u00e4nen sind harmlos gegen uns.<\/p>\n<p>An der n\u00e4chsten Station schiesst er japsend aus der B\u00e4renh\u00f6hle raus und in unseren Waggon rein. Die Asiatin und ich schauen ihn an, sch\u00fctteln uns vor Lachen, ich muss mir die Tr\u00e4nen von den Wangen wischen. Er h\u00e4lt sich an der Stange im T\u00fcrraum fest, in dem Schutzraum zwischen den von uns beiden gemeingef\u00e4hrlichen Wahnsinnigen zur\u00fcckgewichenen Umstehenden und schaut zur\u00fcck mit versteinertem Gesicht. Nicht alle haben denselben Humor und zum Gl\u00fcck k\u00f6nnen Blicke tats\u00e4chlich nicht t\u00f6ten.<\/p>\n<form action=\"https:\/\/www.paypal.com\/cgi-bin\/webscr\" method=\"post\" target=\"_top\"><input name=\"cmd\" type=\"hidden\" value=\"_s-xclick\" \/><br \/>\n<input name=\"hosted_button_id\" type=\"hidden\" value=\"GJWR9WYFLSPNG\" \/><br \/>\n<input alt=\"Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen \u2013 mit PayPal.\" name=\"submit\" src=\"https:\/\/www.paypalobjects.com\/de_DE\/DE\/i\/btn\/btn_donateCC_LG.gif\" type=\"image\" \/><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.paypalobjects.com\/de_DE\/i\/scr\/pixel.gif\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" \/><\/form>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich stehe irgendwo in Sch\u00f6neberg in einem U-Bahnhof. Berliner Winter, nicht richtig kalt, aber driesselig-feucht, die Luft schmeckt nach Dreck und Stadt, schleimig und stickig mit U-Bahnger\u00fcchen ges\u00e4ttigt. 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