{"id":372,"date":"2017-10-01T21:04:41","date_gmt":"2017-10-01T19:04:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.personanongrata.de\/?p=372"},"modified":"2017-10-01T21:41:29","modified_gmt":"2017-10-01T19:41:29","slug":"dank-an-atropos-und-hoere-auf-das-bauchgefuehl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.personanongrata.de\/?p=372","title":{"rendered":"Dank an Atropos und h\u00f6re auf das Bauchgef\u00fchl!"},"content":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte Musik machen. Ich m\u00f6chte mit Leuten spielen, meine Songs spielen, meine Gitarre singen lassen, andere begleiten &#8211; eben Musik machen. Ist gar nicht mehr so einfach in dem neuen Berlin. Du gehst in L\u00e4den wo entweder Kette geraucht wird und du nach drei Songs dann f\u00fcr drei Wochen heiser bist. Oder du gehst in L\u00e4den, wo die Leute so unfassbar schlecht sind, dass du denkst, wie kann man sich mit sowas nur auf die B\u00fchne stellen und du musst dich mit denen um einen Slot kloppen. Oder du gehst in L\u00e4den, f\u00fcr die du viel zu schlecht bist. Oder du gehst in L\u00e4den, wo du megascheisse angemacht wirst. Oder du gehst in L\u00e4den, wo du \u00fcber Facebook dich anmelden und dann ewig lange warten musst, bis du gn\u00e4digerweise drei Songs spielen darfst. Oder du gehst in L\u00e4den, wo der L\u00e4rmpegel der Einflugschneise von Tegel herrscht und keine Sau zuh\u00f6rt. Oder du gehst in L\u00e4den, wo du das alles zusammen hast. Oder &#8230; oder &#8230; oder.<\/p>\n<p>In Berlin gibt es ja viel, aber eben auch megaviel Schrott und Stress.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung: mach dein eigenes Ding.<\/p>\n<p>Gedacht, getan.<\/p>\n<p>Auf Facebook in irgendeiner der zahlreichen Musikergruppen ist ein call-for-artists: Musikschaffende zur Bespielung einer kleinen Galerie im Wedding gesucht. Ich melde mich mit dem Anliegen, eine Location f\u00fcr meine eigenen kleinen Jamsessions mit Freunden zu haben, ein tolles Programm mit qualitativ guter Musik auf die Beine zu stellen mit allem, was dazu geh\u00f6rt: guter Sound, gute Leute, gute Konzerte, gute Sessions. Kein Stress, kein Krach, sondern wirklich was mit Qualit\u00e4t und Herzblut und all das. Und nat\u00fcrlich habe ich als K\u00fcnstlerin superegoistische Eigeninteressen: ich will spielen. M\u00f6glichst ohne den ganzen \u00c4rger, ich kenne viele tolle Leute und mein eigenes Zeug ist ja auch nicht so schlecht.<\/p>\n<p>Ich radele da hin. Ein sch\u00f6ner grosser Altberliner Laden, zwei nette junge energetische Frauen. Wir werden schnell \u201chandelseinig\u201d &#8211; sie haben den Laden, ich das Zeug, Gesangsanlage, Amps, Mikros, eben so alles, was man braucht. Im Hintergrund h\u00e4ngt so ein so bisschen \u00f6sseliger Typ rum, Armeeklamotten, Hoodie, ein Riesenhund namens \u201cSchatzi\u201d, der sieht eher so Hausbesetzer-Drogen-Bierflaschenstyle aus. Ich frage mich, was der da macht, wie kommt der mit den beiden M\u00e4dels zusammen? Das passt so gar nicht. Er h\u00e4lt sich im Hintergrund, ist halt da, verschmilzt fast mit der Umgebung. Wir machen Termine, wann die erste Veranstaltung stattfinden soll, besprechen Details, der \u00f6sselige Typ namens &#8211; ich nenne ihm mal Jaime &#8211; aus Lateinamerika soll mir beim Transport helfen und f\u00fcr die Zukunft: es gibt noch einen Keller, den man ausbauen k\u00f6nnte. Sieht alles ganz gut aus, auch wenn ich die R\u00e4ume eher nicht knallpink und gr\u00fcn gemalert h\u00e4tte. Aber ist eben Berlinstyle, selbstgemacht, wenig Geld, viel Phantasie, junge Leute mit Ideen und Power.<\/p>\n<p>Die erste Veranstaltung. Ich habe einen Bekannten aktiviert, er will paar seiner Songs spielen, ich ein paar meiner und dann wollen wir sehen, ob paar Leute kommen. Gleichzeitig findet eine Vernissage statt mit Arbeiten eines russischen Malers. Ich bin schon nachmittags hingefahren mit meinem Monster-Oldtimer-Wohnmobil um Jaime einzusammeln und die ganzen Sachen aus meinem Proberaum zu holen. Das Womo wird erst mal geb\u00fchrend bewundert &#8211; es ist ja auch wirklich special. Dann klettert Jaime rein und ich muss erst mal mein Fenster aufreissen &#8211; MANN, der k\u00f6nnte auch mal ne Dusche nehmen abgesehen von der s\u00fcsslichen Restalkoholwolke, die ihn umgibt. Seine Fingern\u00e4gel sind sehr sehr kurz und total dreckig und seine Z\u00e4hne total runtergeknirscht. Ich denke, Junge, du bist ein netter Kerl, aber du hast da irgendwo ein Riesenproblem sitzen &#8230;<\/p>\n<p>Aufgebaut ist, ein Kumpel von Jaime h\u00e4ngt da rum, eine Nervens\u00e4ge vor dem Herrn. Ich kann ja selber ganz gut angeben und Spr\u00fcche reissen, was ich so alles gemacht und erlebt habe, ich hatte ja auch schon ein Leben. Aber ich bin immer noch in der Lage, den anderen Raum zu lassen f\u00fcr deren Stories. Das ist der junge Mann nur leider \u00fcberhaupt gar nicht &#8211; meine G\u00fcte, der stresst echt total! Redet und redet und redet und l\u00e4sst einen so gar nicht zu Wort kommen und weiss alles besser und setzt immer noch einen drauf. Ich m\u00f6chte nicht so genau wissen, wieviel Koks der jetzt intro hat. Anyway&#8230; Wedding halt, voll mit krassen und komischen Typen.<\/p>\n<p>Nach dem Aufbau fahre ich noch mal nach Hause, das Auto loswerden, damit ich nachher ein Bier trinken kann. Mit den M\u00e4dels habe ich verabredet, dass die Sachen da bleiben. So k\u00f6nnen wir relativ stressfrei die Veranstaltungen machen, einfach alles aus dem Keller holen, anschliessen, loslegen, nach Ladenschluss alles wieder runterr\u00e4umen und die Bude ist leer und ordentlich f\u00fcrs n\u00e4chste Event. Mit dem Ausbau des Kellers, na, da denke ich noch mal dr\u00fcber nach, erst mal schauen, wie es l\u00e4uft, bevor ich Geld und Energie versenke&#8230;<\/p>\n<p>Zur\u00fcck im Laden sind wir eine Lady und Jaime hinter der Theke, mein Musikerkollege und der Kokskumpel und ich davor. Jaime scheint in den hinteren R\u00e4umen des Ladens zu wohnen, er verschwindet immer wieder dahin. Der Kokskumpel nervt. Mein Bekannter und ich holen die Gitarren raus und spielen. Das ist doch immer wieder die beste Art, die Zeit rumzubringen bis die Veranstaltung anf\u00e4ngt. Ausserdem muss ich dann dem Gesabbel von Kokskumpel nicht mehr zuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Zwischendrin kommen noch Bekannte von mir, aber ansonsten ist der Publikumsflow eher mau. Ist halt eine ganz neuer Laden, da kann man nicht erwarten, dass die Massen str\u00f6men. Der K\u00fcnstler hat sein Publikum, scheint seine UdK-Klasse zu sein oder so. Die kaufen ihr Bier im Sp\u00e4ti und Jaime ist sauer. Er hatte sich mein E-Bike mit H\u00e4nger geborgt und extra noch mal den K\u00fchlschrank vollgemacht. Dass er sich \u00e4rgert, kann ich nachvollziehen, nicht nur, dass es sehr unh\u00f6flich ist &#8211; jedes kleine Galeriestartup in Berlin lebt vom Bierverkauf auf den Vernissagen.<\/p>\n<p>Mein Bekannter und ich beschliessen, jetzt einfach das Konzert anzufangen auch wenn f\u00fcr die Musik noch nicht so richtig Leute da sind, nur Vernissageg\u00e4ste. Aber dann beschallen wir halt die. Jaime und Kokskumpel setzen sich vor die B\u00fchne, Jaime hat mir schon beim Soundcheck Komplimente gemacht: \u201ces klingt wie eine CD\u201d in seinem lustigen Latino-Akzent-Deutsch. Ich freue mich dar\u00fcber, die harte Arbeit an Gitarrensound und Stimme war nicht umsonst.<\/p>\n<p>Wir spielen. Ich spiele paar meiner Songs, mein Bekannter begleitet, macht kleine Soli, macht Spass. Die kunstschaffende und -konsumierende Gesellschaft bleibt im anderen Raum. Alles sehr junge und anscheinend sehr auf sich bezogene Menschen, die sich nur f\u00fcr ihre eigene Kunst und die der Bekannten interessieren. Sie bleiben unter sich, unterhalten sich, was wir machen ist ihnen egal. Anyway. Macht trotzdem Spass. Dann tauschen mein Mitmusiker und ich die Rollen. Er beginnt einen seiner Songs, ich begleite, will grade zum Solo ansetzen, da explodiert es auf einmal vor der B\u00fchne. Jaime und Kokskumpel haben sich anscheinend in der Wolle, die F\u00e4uste fliegen, ich weiss nicht, ob es nur Gesten oder wirkliche Pr\u00fcgel sind. Es geht hin und her, mit dem K\u00fcnstler und seinen Leuten fliegen pl\u00f6tzlich auch die Fetzen &#8230; wir h\u00f6ren auf zu spielen und mein Musikerkollege sagt: \u201cIch glaube, das Konzert ist vorbei\u201d. Ich erwidere: \u201cDas glaube ich auch &#8230; lass uns schnell einpacken, bevor was zu Bruch geht.\u201d Wir packen ganz doll schnell die teuren Gitarren ein. Mein Bekannter ist auch noch Linksh\u00e4nder, so dass seine Instrumente noch teurer sind als meine. Also bloss in die Koffer damit!<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck beruhigt die Lage sich relativ schnell was das Fliegen der F\u00e4uste angeht. Der K\u00fcnstler nimmt mit Hilfe seiner Freunde seine Bilder von der Wand und verschwindet inklusive Entourage. Kokskumpel nimmt seine Bilder von der Wand und veschwindet ohne Entourage. Mein Musikerkollege hilft noch beim Wegr\u00e4umen und verschwindet dann auch mit seiner Gitarre. Ruhe kehrt ein. Wir sitzen rum und trinken Bier. Jaime holt was zu essen von hinten, wir teilen das Essen von einem Teller. Er meint nur lakonisch, dass Kokskumpel ab und zu mal ne Schelle braucht und dann ist wieder alles ok. Okaaaaay &#8230;&#8230;.<\/p>\n<p>Es kommt noch ein schr\u00e4ger Typ von der Strasse rein. Ich halte mich an meinem Bier fest, aber so viel wie die anderen kann ich in einer Woche nicht trinken. Ich unterhalte mich mit Jaime, bzw. erst mal kommt die \u00fcbliche Frage: \u201cHast du einen Freund?\u201d Ich sage: \u201cNein, und ich will auch keinen!\u201d Damit ist der Keks gegessen, kaum zu glauben, meistens ist das nicht so einfach.<\/p>\n<p>Ich frage: \u201cWessen Laden ist das hier eigentlich, wer ist der Hauptmieter?\u201d Jaime sagt recht vehemt: \u201cDas ist MEIN Laden, ich bin Hauptmieter!\u201d Ich denke: \u201cScheisssse &#8230;. ich glaube, mit dem will ich nicht zusammenarbeiten&#8230;.\u201d Der ist mir zu fertig. Wesentlich sp\u00e4ter erfahre ich, dass alles auf seine Mutter l\u00e4uft. Auch interessant, die Leistung seiner Mutter (Laden suchen, mieten, Geld auftreiben usw.) als seine eigene darzustellen, aber das ist ein anderes Thema. Beim allerersten Sehen hatte ich ihn wesentlich j\u00fcnger eingesch\u00e4tzt, dann hatte ich gemerkt, dass er wohl doch \u00e4lter ist, so Ende Dreissig denke ich. Und jetzt stellt er sich als der Hauptmieter heraus. Das bedeutet f\u00fcr mich, dass ich mit einem offensichtlich drogen- und alkoholaffinen Menschen Business machen soll und nicht mit den beiden sympathischen und fitten Frauen &#8211; wohl doch eher nicht. Ich trinke noch mein Bier aus und verschwinde dann auch nach Hause. Das Womo hatte ich ja nach dem Aufbau schon weggebracht und war mit dem Rad wiedergekommen, so radele ich durch die Nacht nach Hause. Jaime bot mir noch an, doch auf dem Sofa zu \u00fcbernachten &#8211; alles, nur das nicht &#8230;<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Tagen telefoniere ich mit einer der Frauen, die meint, das sei doch alles halb so wild gewesen und Jaime und Kokskumpel w\u00fcrden sich schon wieder vertragen.<\/p>\n<p>Bei der n\u00e4chsten Veranstaltung erlebe ich dann das erste Mal in meinem Leben hautnah, wie einer KO geschlagen wird. Alles hatte sich ganz gut angelassen, meine tempor\u00e4re Mitbewohnerin war da, ihre Freundin, tolle Musikerinnen, sch\u00f6ne Session. Die tempor\u00e4re Mitbewohnerin aus den USA ist ausgebildete Operns\u00e4ngerin mit einem unglaublichen Stimmdruck, unfassbar, was da rauskam. Ihre Freundin spielte wunderbare Folksongs und begleitete sich auf einer eben so wunderbaren Gitarre. Meine Mitbewohnerin sang f\u00fcr uns eine Arie, dass die Fensterscheiben schepperten. Von der Strasse waren ein paar arabische Jungs reingekommen, denen erst mal die Kinnlade runterfiel. Sowas hatten die noch nie geh\u00f6rt, mittlerer Kulturschock. Wir sassen dann noch eine Weile zusammen, lachten, flachsten rum, alles easy und angenehm. Dann l\u00f6ste sich die Versammlung so langsam aus und ich fing an, abzubauen.<\/p>\n<p>Jaime hat wieder sehr merkw\u00fcrdige Freunde da, darunter ein Typ in Malerklamotten und eine Frau mit stinkenden Dreads bis zum Hintern und stecknadelkopfkleinen Pupillen, offensichtlich total zugedr\u00f6hnt und nat\u00fcrlich der in der Hausbesetzerszene obligatorische riesige K\u00f6ter, nicht so nett wie Schatzi. Pl\u00f6tzlich fliegt von draussen eine Flasche gegen die schon geschlossene T\u00fcr und zerklatscht mit lautem Scheppern. Jaime ist grade im vorderen Raum am Aufr\u00e4umen, greift sich einen herumliegenden Zimmermannshammer, reisst die T\u00fcr auf und rast hammerschwingend raus. Ich sofort hinterher, draussen die arabischen Jungs, die sofort lautstark beteuern: \u201cEy, wir waren das nicht, waren zwei Typen die haben Flasche geschmissen\u201d. Ich antwortete, verfalle ganz schnell in Weddingslang: \u201cEy, glaub isch eusch voll aber bitte Leute, lasst so einen sch\u00f6nen Abend nicht Scheisse enden, wir hatten doch voll Spass zusammen &#8230;\u201d dann sage ich zu Jaime: \u201cMann Alter, tu das Ding weg, bist du wahnsinnig, willst du einen umbringen?\u201d &#8211; ich sehe schon die Hammerspitze in irgendeinem Kopf stecken. Er l\u00e4sst sich den Hammer auch ganz widerstandslos aus der Hand nehmen, das Ding ist zum Gl\u00fcck gleich wieder aus dem Spiel. Ich lege den schnell irgendwohin, bloss weg damit<\/p>\n<p>Aber leider habe ich nicht mit der bedr\u00f6hnten Frau und ihrem Typ in den Malerklamotten gerechnet. Die waren auch rausgerannt und offensichtlich superaggro und auf Stress aus. Beide fangen an, die arabischen Jungs anzup\u00f6beln. Ich vertraute auf die m\u00e4nnliche \u201cBeisshemmung\u201d Frauen gegen\u00fcber und gehe dazwischen. Bl\u00f6derweise kann ich mich aber nicht durchschneiden und w\u00e4hrend ich mit der Dreadlockfrau besch\u00e4ftig bin um die zur Ruhe zu bringen, beschimpft ihr Macker einen der Araber. Der steht breitbeinig und st\u00e4mmig da mit verschr\u00e4nkten Armen und h\u00f6rt sich das eine Weile an. Dann auf einmal kommt ein blitzesschneller Schwinger und der Typ in den Malerklamotten kippt um wie ein gef\u00e4llter Baum. Ich schiesse r\u00fcber und sage: \u201cAlter, bitte, ihr habt gewonnen, okay? Der hat gep\u00f6belt und jetzt ist er k.o. &#8211; ey bitte, nicht noch mehr Stress, wir wissen doch alle, was dann geht, Bullen, \u00c4rger, das muss doch nicht sein &#8230; \u201c und tats\u00e4chlich sind die arabischen Jungs vern\u00fcnftig und ziehen mit zufriedenen Gesichtern ab. Feind liegt ja auch am Boden und die Ehre ist gerettet.<\/p>\n<p>Wir sammeln dann den Typen ein, ich trage ein Bein, seine Freundin das andere und Jaime den Oberk\u00f6rper. Drinnen packen wir ihn auf das Sofa und drehen ihn auf die Seite. Nach einer Weile f\u00e4ngt er an zu schnarchen und scheint also okay zu sein. Ich sehe dann zu, dass ich wegkomme &#8211; das ist echt nicht meine Vorstellung von einem angenehmen Ende eines Musikabends!<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag rufe ich eine der M\u00e4dels an und erz\u00e4hle ihr die ganze Story. Sie meint: \u201ckomisch, dass passiert immer nur, wenn du da bist\u201d. Ich muss lachen und sage: \u201cJa, danke! Ich muss auch immer bis zum Schluss bleiben zum Abbau, du machst dich ja um 23:00 davon und kriegst die Irren gar nicht mit, die dann noch hier einrollen!\u201d Wir reden ziemlich lange, ich will eigentlich aus dem Projekt aussteigen, aber sie meint, Jaime sei ein guter Freund von ihrem Freund und ich h\u00e4tte ja sicher inzwischen gemerkt, dass er ein massives Drogenproblem h\u00e4tte, aber er sei kein schlechter Kerl und ich solle der Sache doch noch eine Chance geben. Na gut, denke ich, ist eh nur noch eine Veranstaltung vor der Sommerpause und danach sehen wir weiter.<\/p>\n<p>Das Wochenende danach denke ich, ich k\u00f6nnte ja einfach mal so hingehen, Leute treffen, netzwerken und so. Aber irgendwie habe ich so ein Scheissgef\u00fchl dabei, dass ich es lieber sein lasse.<\/p>\n<p>Dann ist die letzte Veranstaltung vor der Sommerpause. Ich komm da an, eine der Ladies fehlt, kein Jaime, hinter der Bar eine Frau mit den traurigsten Augen der Welt, die mir als Jaimes Mama vorgestellt wird. Ich fragte nach der anderen jungen Frau &#8211; sie ist ausgestiegen. Kluges M\u00e4del, denke ich. Und Jaime? Er sei auf Mallorca, habe dort kurzfristig einen gut dotierten Job bekommen und m\u00fcsse den durchziehen, um seine ganzen Schulden zu bezahlen. Scheint mir plausibel, auf der Insel gibt es ja einige reiche Deutsche, die eine Finca oder sowas haben und da ist jemand, der Deutsch und Spanisch spricht und einigermassen arbeiten kann, sicher willkommen. Wenn er dann beim Arbeiten noch weniger zum Saufen oder sonstwas kommt umso besser f\u00fcr ihn, sein Portemonnaie und seine Leber.<\/p>\n<p>Der Abend verl\u00e4uft ohne weitere Vorkommnisse, keine Schl\u00e4gereien, kein Streit, supersch\u00f6n, alles gut. Ich habe dieses Mal das Womo vor die T\u00fcr gestellt, dann musste ich nachts nicht mehr mit dem Rad nach Hause und kannt so viel Bier trinken, wie ich lustig bin. Also geh ich nach der Veranstaltung noch r\u00fcber ins \u201cBei Ernst\u201d, wo eine Band die Bude rockt und das ber\u00fchmte eine Bier zu viel konsumiert wird, so dass ich am n\u00e4chsten Morgen dann mit einem gr\u00e4sslichen Kater in meinem Womo aufwache &#8230; autsch, aber selber schuld.<\/p>\n<p>Erst mal fahre ich nach Hause zum Duschen und um wieder unter die Lebenden zur\u00fcckzukehren. Dann gef\u00e4llt mir das aber nicht, dass meine ganzen wertvollen Musiksachen da \u00fcber die Sommerpause bleiben sollen und wenn der Abend vorher noch so chillig und friedlich war. Mein Bauchgef\u00fchl will das da alles so schnell wie m\u00f6glich raus haben. Also fahre ich wieder hin, Jaimes Mama l\u00e4sst mich rein und ich packe mein ganzes Zeug und schleppe es zur\u00fcck in meinen Proberaum. Fluchend und schwitzend ganz alleine, sp\u00e4ter sollte sich das als die beste Aktion ever erweisen. So war diese Galerie dann erst mal f\u00fcr mich gegessen. Im Herbst k\u00f6nnte man dann weitersehen.<\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter klappe ich morgens den Computer auf und fange an, die Morgenzeitung zu lesen und denke, mich trifft der Schlag: Riesenschlagzeile \u201cRazzia in der Galerie xy\u201d. Von dem Koffermord hatte ich schon geh\u00f6rt, eine ermordete Frau in einen kleinen Koffer gequetscht, den in einen grossen und alles in die Spree geschmissen. Das war vorher tagelang durch die Presse gegangen zusammen mit Bildern von pers\u00f6nlichen Habseligkeiten der armen Frau, die auch mit drin waren und die ja vielleicht jemand erkennen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ein Spazierg\u00e4nger hatte den am Ufer angetriebenen Koffer entdeckt und dachte, vielleicht sei ja was Interessantes drin. War es auch, aber eher nicht so von seinem Interesse. Der Spazierg\u00e4nger rannte dann schreiend weg, andere Spazierg\u00e4nger riefen die Polizei und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Nun musste ich lesen, dass dieser arme Mensch im dieser Galerie ermordet worden war und der mutmassliche T\u00e4ter &#8211; ein 38j\u00e4hriger Mann lateinamerikanischer Abkunft &#8211; fl\u00fcchtig sei. Ich dachte: \u201cOh mein Gott &#8211; Jaime &#8230;.???\u201d Andere hatten die pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nde der Ermordeten erkannt, die Polizei darauf hingewiesen, dass sie sich in dieser Galerie aufgehalten habe und eine Rucksackreisende aus Norwegen namens &#8230; sei. So kam es zur Durchsuchung der Galerie und Bingo &#8211; die Spuren sagten alles. Ich kontakte die verbliebene Galeristin \u00fcber Facebook und frage sie, ob mit dem fl\u00fcchtigen T\u00e4ter Jaime gemeint sei. Die Antwort ist positiv.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter werde auch ich als Zeugin geladen und bekomme den Rest der Geschichte mit. Es gab einen Streit zwischen Jaime und der Frau, beide waren wohl nicht wirklich n\u00fcchtern dabei und es stand ein Topf mit Kartoffeln rum, wo ein Messer drin steckte. Jaime griff und stach zu. Ein Kumpel von Jaime sass im Nebenzimmer rum und schaute fern. Dann kam Jaime r\u00fcber und sagte: \u201ces ist vorbei\u201d. Nun war die Frage &#8211; wohin mit der Leiche? Sie schafften sie erst mal in den Keller. Nur hat so eine Leiche die Angewohnheit, nicht lange in dem Zustand zu bleiben, in dem sie sich direkt nach dem Ableben befindet. Also musste die weg. Die beiden Typen packten sie wohl erst zwei Tage sp\u00e4ter in einen kleinen Koffer, sie passte als sehr zierlicher Mensch so grade rein. Der kleine Koffer wurde in einen grossen Rollkoffer gepackt und dann machte Jaime sich auf den Weg zur S-Bahn, rumpelpumpel \u00fcbers Kopfsteinpflaster und Berliner Schweineb\u00e4uche (so heissen die grossen Gehwegplatten), buckelte den Koffer in die Bahn, fuhr quer durch die Stadt und schmiss ihn dann am Treptower Park in die Spree. Dann machte er sich \u00fcber Spanien nach Mexico davon und wurde dort durch die internationale Fahnung irgendwann erwischt. F\u00fcr falsche Papiere hatte er wohl weder Zeit noch Geld gehabt und gehofft, Lateinamerika sei gross genug zum Abtauchen. Nach ein paar Monaten im mexikanischen Knast wurde er nach Deutschland ausgeliefert. Er wurde hier wegen Totschlag zu sieben Jahren verurteilt.<\/p>\n<p>Und ich hatte mit mit dem ein Bier und ein Essen geteilt bei der ersten Veranstaltung! Bei dem Gedanken wird mir immer noch ganz anders.<\/p>\n<p>Fazit: ich bin dankbar f\u00fcr mein Bauchgef\u00fchl. Ich neige ja schon zu einer gewissen Blau\u00e4ugigkeit und Naivit\u00e4t im Umgang mit anderen, aber anscheinend ist da doch noch so eine Art Notbremse in mir installiert, wenn es wirklich ums Eingemachte geht. In dem Zeitraum, in dem die Tat geschehen war, waren noch andere Veranstaltungen in dem Laden. Ich hatte wie vorher schon erw\u00e4hnt, \u00fcberlegt, ob ich einfach mal so hingehen sollte, Netzwerke kn\u00fcpfen, Leute treffen und so weiter. Ich hatte an einem Abend schon fast die Schuhe an, aber gleichzeitig so ein untreirdisch mieses Gef\u00fchl, dass ich mich dagegen entschied, so als ob eine innere Stimme zu mir sagt: \u201cM\u00e4del, geh da nicht hin! Das ist kein guter Ort!\u201d Ich bin froh, dass ich auf diese Stimme geh\u00f6rt habe, ich bin froh, dass ich meine Sachen weggeholt habe und dass ich, obwohl es mir megaschwer gefallen ist, diesen Ort losgelassen habe &#8211; und wenn ich noch so gerne eine eigene Sessionlocation gehabt h\u00e4tte. Sonst w\u00e4re vielleicht ich in einem Koffer gelandet. Dann spiele ich lieber im schlimmsten Fall alleine zuhause und danke der Schicksalsg\u00f6ttin Atropos, dass sie meinen Lebensfaden noch nicht abgeschnitten hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte Musik machen. Ich m\u00f6chte mit Leuten spielen, meine Songs spielen, meine Gitarre singen lassen, andere begleiten &#8211; eben Musik machen. Ist gar nicht mehr so einfach in dem neuen Berlin. Du gehst in L\u00e4den wo entweder Kette geraucht wird und du nach drei Songs dann f\u00fcr drei Wochen heiser bist. 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