herbst.jpgFoto: ©M. Hartmann

 

So, jetzt isser da, der Herbst. Und zu allen möglichen sommerlichen Geräuschkulissen bekommen wir jetzt noch mehr Getöse, welche Freude!

Emphatievermögen ist eine Sache. Sicher gibt es Menschen, denen das tatsächlich abgeht. Eine andere Sache aber ist mangelndes Wollen. Wo hört Unvermögen auf und wo fängt Nichtwollen an? Vor allem stellt sich die Frage dann, wenn die Leute drauf hingewiesen werden, dass sie stressen. Wenn man ihnen immer wieder und immer wieder sagt, es stört. Wenn alle wissen, es ist schlecht für die Nerven, die Lebensqualität, die Umwelt usw. und es wird trotzdem weitergemacht, sei es mit dem Laubbläser oder der fetten Anlage in der Wohnung deines Nachbarn. Der weiß, er geht dir auf den Keks, die Mucke bläst trotzdem los, Kopfhörer, was ist das? Deine Dielen tanzen, du hast keine Möglichkeit zu entkommen, du stöpselst dir die Ohren, aber der Stuhl, auf dem du sitzt, schickt dir die Stosswellen der Bässe in den Hintern – in deiner eigenen Wohnung vor deinem eigenen Schreibtisch dein ganz persönlicher Arschgrabscher im Takt des jeweiligen Musikggeschmackes deines Nachbarn. Dazu bläst der Laubbläser und die Abgase ziehen dir ins Fenster. Zum Arschgrabscher bekommst du also zusätzlich noch einen schönen shiftenden Bordunton in Es-Dur mit grossem Höhenanteil, der durch wirklich jeden Ohrstöpsel durchsägt. Gleichzeitig hast du deinen eigenen Parfümeur. Es ist einem Hausmeister auch eigentlich wirklich nicht zuzumuten, etwas so muttimäßiges wie einen Besen zu benutzen, der leise und meditativ swoosht, nicht stinkt und keine Männlichkeit bei jeder schwungvollen Bewegung vor sich herschiebt – im Gegensatz zu diesen herrlichen lauten KANONEN mit denen man so wunderbar im Terminatorschwung auf Spatzen schiessen kann. Wofür mag das nur ein Ersatz sein, dieses Rohr?

Eigentlich hat das doch aber was, wenn es dir nicht gefällt, kannst du ja immer noch ins Schwimmbad gehen und dir die Stosswellen abwaschen und den Adrenalinkick wegpowern mit 10 Bahnen Schmetterling (wenn du das schaffst). Du kannst dich aber auch einfach drauf einlassen, wie wäre es damit? Jetzt im Moment sofort überwellt es dich von untenhinten. Wehr dich nicht, geh mit im Takt, lass dich stossen, hit me with your rhythm stick, sagte Ian Dury damals. Und der Laubbläser, der dann dazu im Hof losgeht, der bläst ja immerhin. Und you can smell it den Duft des Zweitakters hoch und runter geht der Kolben. Geniesse es! Jetzt! Wenn es dir nicht gefällt, dann ist wohl was mit dir nicht in Ordnung … stell dich halt nicht so an.

Sagen nicht manche Menschen, das ist alles nur in deinem Kopf? Jeder ist jederzeit für sich selber verantwortlich, auch Krankheit ist nur ein seelischer Zustand? Du musst das alles positiv sehen – also Leute, freut euch doch über taktile, akustische und olfaktorische Sinnesreize und geniesst … jetzt kann der Winter kommen. Vielleicht kauft mein Vermieter ja der Gartenbaufirma eine Schneekanone für die Deko.

http://www.spiegel.de/panorama/laubblaeser-graz-loest-laerm-problem-mit-verbot-a-995805.html

http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/laerm-wie-laute-geraeusche-die-psyche-und-gesundheit-beeinflussen-a-964605.html

 

 

 

 

 





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2 Comments

  1. Sehr schön geschrieben 🙂

    Tja, unsere Elterngeneration hat uns eben gelehrt: Wer sich beschwert, der ist ein Spießer. Andererseits aber auch: Wir sollen andere Menschen respektieren und ihnen nicht auf den Sack gehen.
    Das ist eine ganz fatale Mischung, denn die, die unter den anderen leiden, beschweren sich nicht mehr, aus Angst, denen, die WIRKLICH allen anderen mächtigst auf den Sack gehen, auf den Sack zu gehen.
    Also immer schön beschweren, wenn es angebracht ist! Und nicht zu denen gehören, die sich über die beschweren, die es wagen, sich zu beschweren und diese als „Nörgler“ oder „Jammerer“ abstempeln und ihnen das Recht absprechen, Dinge zu benennen, die sie stören. Weil auch ihnen habt man beigebracht: Wer sich beschwert ist ein Spießer, ein Querulant, ein Störer. Dabei stört eigentlich jemand ganz anderes.

    • Personanongrata says:

      Ahoi, jetzt komme ich endlich mal zum Antworten 🙂 Das mit dem Beschweren ist für mich auch ein grosses Thema. Ich habe eigentlich eine ziemlich dehnbare Toleranzgrenze und grosse Leidensfähigkeit, aber wenn eine bestimmte Grenze überschritten wird, ist Schluss. Und für mich sind die Grenzen der Menschen der Knackpunkt, wenn die zu oft überschritten werden, dann geht etwas kaputt. Und leider habe viele Menschen nicht die innere Kraft, sich ständig zu wehren. Daher bin ich der Meinung, die Kultur der Grenzenlosigkeit und des Sich-nicht-wehren-dürfens sollten sich ändern. Machen wir Stärkeren den Anfang, und beschweren uns! Liebe Grüsse und schöne Zeit, Michi

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