„Rotlichtselfie“ ©M. Hartmann

Grade habe ich jemanden “entfreundet”, weil er als Titelbild den eindeutigen Eingang eines berühmten Hamburger Etablissements verwendet hat. Ich war bei der Entfreundung auch nicht sehr freundlich.

Hier ist der Grund mal genau erklärt:

Im Keller dieses Ladens wurde früher geboxt und einige berühmte Boxer verkehrten da. Schätze mal, die haben da nicht nur geboxt …

Als ich ein Kind war, war jeglicher Kampfsport für Frauen verboten, selbst “harmlose” Sportarten wie Judo. Irgendwann wurden die Gesetze geändert und es durften dann auch Mädchen ins Judo gehen. Ich fing an, als ich 10 war und wurde sehr schnell richtig gut. Selbst grössere und ältere Jungs lagen auf der Matte – gegen ihren Willen.
Ich war eine richtige kleine Kämpferin, vor jedem Turnier konnte ich kaum einschlafen vor Aufregung, ich liebte die Spannung und den Kampf, ich erkämpfte Medaillen, Pokale, Preise und war jedesmal stolz wie Bolle. Ich raufte unfassbar gerne, niemals aber Prügeleien im Ernst, das fand ich schrecklich. Doch für jede Spassbalgerei war ich zu haben, gerne über Stunden. Im Judo war ich ehrgeizig, ich wollte trainieren, kämpfen, gewinnen. Jedesmal wenn ich etwas Neues schaffte wie z.B. eine Flugrolle über 10 (!!!) nebeneinandergepackte Sportskolleg*innen, war ich das glücklichste Kind der Stadt. Ich hätte auch gerne härter gekämpft, vielleicht sogar geboxt, aber dieser Sport war nach wie vor für Mädchen per Gesetz verboten.

In dem komplett neuen Club waren sehr viele Mädchen. Der Obertrainer und Clubbetreiber war ein Enddreissiger mit tiefen Falten um den Mund, einem Vokuhila, gerötetem Gesicht, grobporiger Haut und öfter mal einer Alkoholwolke um sich rum. Wir liebten ihn trotzdem, auch wenn komische Gerüchte um ihn im Umlauf waren. Er war halt unser Trainer, der sich um uns kümmerte – und grade ich als Kind ohne Vater war natürlich völlig geflasht von einem Mann, der sich um uns kümmerte. Ich liebte auch seine Umarmungen, das Kuscheln mit ihm und den anderen männlichen Trainern, ich hatte da eben ein riesiges Defizit. Grosse Männer, die mir was beibringen, mit mir schmusen und gut riechen! Ich war hin und weg. Ich liebte auch die anderen Kinder und den Verein, ich gehörte dazu. Sonst war ich eine totale Aussenseiterin, aber das ist eine andere Geschichte. Hier gehörte ich dazu, war ein Kind unter anderen und glücklich, ehrgeizig, aktiv, selbstbewusst.

Zurückblickend denke ich heute, dass der Obertrainer einfach diese Megachance ergriffen hatte, eine komplett neue Zielgruppe relativ konkurrenzlos erschliessen zu können: nämlich Mädchen. So konnte er als ziemlicher Looser mit einem Alkoholproblem plötzlich zum anerkannten Sportler aufsteigen, der es nicht nötig hatte, selber zu gewinnen auf den Turnieren, er liess halt seine Pferdchen laufen. Er wurde zum respektierten Clubbesitzer und ich schätze mal, verdient hat er auch nicht schlecht. Dazu kamen noch andere Annehmlichkeiten, die manche Männer sich nehmen, wenn sie es mit jungen Mädchen zu tun haben. Oder vielleicht sogar genau deshalb was aufbauen, wo viele junge Mädchen mitmachen …

Meine Leistungen interessierten auch niemanden so richtig, meine Gefühle auch nicht. Meine Mutter kam nie mit zu den Turnieren um mich anzufeuern. Als ich stolz auf meinen trainierten Körper und meine Muskeln war, sagte sie nur verächtlich: “wie unweiblich”. Einen kümmernden Vater hatte ich nicht. In der Schule wurden die sportlichen Jungen gelobt über den grünen Klee und uns allen als Vorbild hingestellt auch für ausserschulische Leistungen wie z.B. Boxen – meine Leistungen innerhalb und ausserhalb der Schule wurden nicht mal wahrgenommen, geschweige denn irgendwie positiv bewertet. Ich aber machte weiter, trotz fehlender Unterstützung und Anerkennung, denn der Sport was das Wichtigste in meinem Leben und der Verein auch.

Meine Mutter realisierte das schon ganz gut – immer wenn ich eine schlechte Klassenarbeit schrieb, verbot sie mir, zum Judo zu gehen. Einmal durfte ich einen ganzen Monat lang nicht zum Training. Sie hatte versprochen, dass ich wieder hingehen darf, wenn ich in der nächsten Klassenarbeit eine gute Note schreibe. Also büffelte ich und schaffte eine gute Note. In der Gewissheit, dass sie ja gesagt hatte, eine gute Note, rannte ich zum Judoclub, bezahlte den Vereinsbeitrag von meinem Taschengeld und trainierte. Ich war wieder glücklich, strahlte, sagte: “Ich habe eine gute Note geschrieben, dann darf ich ja wieder.” Ich hatte meine Freunde wieder und alles, was mich stolz und glücklich machte.

Dann kam ich nach Hause, merkte gleich, oh, mal wieder schlechte Stimmung, fragte erst mal: “Mami, ich habe eine gute Note geschrieben, jetzt darf ich doch wieder ins Judo, oder?” Meine Mutter antwortete: “Nein, du musst erst noch eine gute Note schreiben.” Ich war gearscht – ich war ja schon da gewesen und hatte allen strahlend erzählt, ich kann wieder trainieren. Wie peinlich, wenn ich jetzt sagen müsste, nee, doch nicht. Und meiner Mutter sagen, ich war schon da? Never ever …
Ich wusste genau, wenn ich ihr gesagt hätte, dass ich aber schon da war weil ich mich auf die Einhaltung der von ihr gestellten Bedingung verlassen hatte, da würde sie ausrasten … ich kannte meine Mutter. Also log ich.
Ich erzählte ihr beim nächsten Trainingstermin, ich würde rausgehen, spielen. Das durfte ich ja – mich rumtreiben, stundenlang lesen, faulenzen, kein Ding. Nur das einzig Sinnvolle in meinem Leben, das durfte ich nicht, denn damit konnte sie mich treffen und das wusste sie. So erzog sie mich nicht nur zur Passivität und zum Konsumismus, sondern auch zur Lügnerin. Meine Gefühle für den Sport und den Verein waren einfach zu gross, ich brannte lichterloh und war nicht in der Lage, darauf zu verzichten. Es war das Einzige, was ich hatte!

Ich trainierte nicht jeden Tag, denn das hätte mehr Geld gekostet und das wollte meine Mutter nicht ausgeben und ich hatte ja selber nichts als ein Kind. Trotzdem gewann ich bei den Landesmeisterschaften die Bronzemedaille – Silber und Gold gingen an meine Trainerinnen, die beide älter und grösser waren als ich, schon Jahre länger trainierten und höhere Gürtel hatten. Ich war an der Untergrenze meiner Gewichtsklasse, halt die 100 Gramm drüber, die man nicht mehr weggeschwitzt und rausgepullert bekommt, und die beiden mussten vor dem Kampf noch rennen und pullern gehen, damit sie die Gewichtsklasse so ganz knapp schafften. Leider spielt eben Gewicht eine ziemliche Rolle im Kampfsport, sonst gäbe es ja keine Klassen, aber ich schätze mal, mit Förderung, täglichem Training und Anerkennung hätte ich selbst die von der Matte gefegt. Die trainierten halt jeden Tag und waren die Zugpferde des Vereins fürs Renommée nach aussen. Aber es gingen auch komische Gerüchte rum über das Verhältnis einer zum Obertrainer.

Ich wurde älter, plötzlich war es nicht nur mehr eine Clubregel, dass bei Turnieren unter dem Judoanzug ein Gymnastikanzug getragen wird, sondern eine Notwendigkeit. Ich erinnere mich daran, wie auf einmal unter meiner Brustwarze ein schmerzhafter kleiner Knopf war, den ich durch den Jackenausschnitt auch sehen konnte. Das gefiel mir überhaupt nicht, aber so war das nunmal. Ab sofort Badeanzug drunter – mir einen Gymnastikanzug zu kaufen, dafür war meine Mutter viel zu geizig.

Auf einmal wurden die kleinen Rangeleien mit dem Obertrainer und Besitzer des Clubs anders. Kleine Küsse trafen mich überall, der Griff wurde immer fester um meine Hüften und meine Rückseite, seine Hände waren plötzlich überall, aber immer so geschickt, dass es nach aussen niemand mitbekam.
Ich wollte nicht mehr raufen, aber er war natürlich grösser, stärker, ein erwachsener Mann und dazu einer, der den schwarzen Gürtel hatte. Ein schmales Mädchen hatte da keine Chance, sich aus seinem Haltegriff zu befreien.
Ich war geschockt.
Ich liess mich nicht mehr auf Rangeleien ein, zog mich zurück, hatte auch schon die Interesselosigkeit des Obertrainiers an mir immer mehr gespürt, desto öfter ich nicht mehr mit ihm “Bodenrandori” machen wollte. Meine sportlichen Leistungen interessierten auf einmal nicht mehr.

Irgendwann habe ich dann aufgehört mit dem Judo, eher verzichtete ich auf alles, was mir etwas bedeutete, als mich flachlegen zu lassen, dazu war ich zu stolz. Ich hätte mich gefühlt wie eine Hure – never ever! Mich begrabschen lassen und irgendwann vielleicht sogar die Beine breit machen müssen, damit ich weiter kämpfen kann? Niemals, lieber würde ich sterben.

Ich erinnere mich an das Gefühl der völligen Trostlosigkeit, des riesigen schwarzen Loches in meinem Herzen, der völligen Leere in mir, als ich aus dem Club herauskam, nachdem ich gesagt hatte, dass ich nicht mehr komme. Ich war innen wie tot, ich konnte nicht mal weinen. Ich hatte vom Siegen geträumt, von Ruhm, von Preisen, von Zugehörigkeit … all das musste ich begraben, meinen “Clan”, meinen Verein, weil ich nicht bereit war, mich dafür ficken zu lassen. Und niemand versuchte, mich zurückzuhalten, der Obertrainer verabschiedete sich nicht mal richtig von mir. Er hatte wohl den anderen gesagt, ich sei zu faul …

Einen anderen Club, wo ich hätte weitermachen können, gab es nicht und die anderen Kampfsportarten waren für mich ja nach wie vor verboten oder es gab noch keine Clubs, die dann auch Mädchen genommen hätte. Vielleicht in der nächsten Grosstadt wäre einer gewesen, aber dazu braucht man Geld und Unterstützung von Erwachsenen und die hatte ich nicht. Also war es das dann, trotzdem ich alles hatte, was ich für eine Sportlerkarriere gebraucht hätte – Kampfgeist, Mut, Ausdauer, Bereitschaft zu harter Arbeit. Die andere von uns drei “Guten”, die ging dann in die nächste Grossstadt – ihre Eltern unterstützten sie. Die dritte, um deren Verhältnis zum Trainer die Gerüchte rankten, hat dann im Sport Karriere gemacht. Und zwar richtig!

Viel später in meinem Leben wurde dann tatsächlich Frauen erlaubt, zu boxen – 1995! Man stelle sich das vor – erwachsenen Menschen wird ein Sport verboten, im “modernen Zeitalter”. Nach wie vor einzig und allein aus dem Grund, dass sie einen etwas anderen Körper haben. Ich suchte mir einen Boxclub und war fassungslos, wie geil das ist, wieviel Spass das macht, was für ein toller Sport! Unser Trainer schonte uns nicht, trieb uns gnadenlos bis an jede Grenze und darüber hinaus. Er hielt mich für 10 Jahre jünger als ich tatsächlich war und wollte mich gleich in den Ring schicken. Nach den Training war ich glücklich, alles Böse raus aus mir, ich war topfit, gesund und happy. Aber in den Ring konnte ich nicht mehr – zu alt. Mein Trainer konnte es gar nicht glauben.
Beim Amateurboxen gibt es für alle, Männlein wie Weiblein die Altersgrenze, da das Verletzungsrisiko einfach zu stark steigt, und Profitesse wollte und konnte ich nicht mehr werden. Inzwischen hatte ich eben meine Karriere auf anderen Dingen begründet und musste ja von irgendwas leben, auch ist es aus meiner Sicht Quatsch, gegen 10 bis 20 Jahre Jüngere anzutreten und dann tatsächlich gravierende Schäden davonzutragen, nur weil man es “noch mal wissen” und den verweigerten Chancen hinterherhecheln will. Es gibt eben Dinge, die sind irgendwann weg, sie sind dir für immer weggenommen, so bitter und gemein das auch ist.  Ich boxte dann eine Zeitlang um des Trainings und der Sparringskämpfe willens, bis ich mich wegen Tennisarmes zwischen Musik und Sport entscheiden musste und Musik war mir wichtiger.

Ich hatte, kurz bevor ich endlich legal boxen durfte (noch Regina Halmich musste übrigens mit Kickboxen anfangen und beschwindelte zu Anfang ihre Eltern, dass die den Sportverein zahlten), eine Riesendiskussion mit meinem damaligen Freund. Ich regte mich darüber auf, dass ich nach wie vor als erwachsener Mensch nicht tun und lassen kann, was ich will in einer Sache, die meiner Meinung nach keinen was angeht. Sport ist ja schliesslich kein Verbrechen!

Er meinte: “Ja, aber das ist doch zum Schutz der Frauen, schau doch mal, in was für ein Milieu die dann reingeraten könnten, voll Rotlicht und so.” Ich: “Achso, aber Hure werden ist okay, dagegen gibt es kein Gesetz sobald man volljährig ist! Sich ficken zu lassen, weil man keine Kohle hat und vielleicht sogar wegen des Geschlechtes keine Sportlerkarriere hat machen können und deshalb keine Kohle hat trotz hochtalentiert, ehrgeizig und gut, das ist dann in Ordnung?
Einen bestimmten Sport treiben ist auch für volljährige Menschen verboten?
Und wenn es ein harter Sport ist, ist doch meine Sache, ob ich mir die Fresse polieren lasse oder nicht, als Erwachsene bin ich für mich selber verantwortlich und niemandem Rechenschaft schuldig! ICH lauf doch dann mit der Boxernase rum, das geht doch keinen was an – wem es nicht gefällt, der soll halt wegsehen, sonst sind die Leute doch darin sehr gut, z.B. beim Thema Missbrauch und sexuelle Gewalt!

Er wurde recht kleinlaut und meinte: “Naja, so gesehen hast du ja recht, das Schutzargument ist bei Licht betrachtet wohl absurd und Sportlerin ist schon besser als Nutte …”

 

Also Jungs, wenn ihr es weiterhin supercool findet, einen Hamburger Boxpuff als Titelbild zu nehmen, braucht ihr euch wohl über meine Wut und Verachtung nicht zu wundern… und im echten Leben – ja, deine Gitarre würde ich nicht reparieren, sondern dich bei mir achtkantig rauswerfen, wenn ich mitbekomme, wer du bist.

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2 Comments

  1. Gesetzlich verboten wars ? Davon habe ich garnichts mitbekommen .

    • Personanongrata says:

      Ja, war es tatsächlich bis 1995. Regina Halmich hat ja auch mit Kickboxen aus genau diesem Grund anfangen müssen, weil „richtiges“ Boxen ihr nicht erlaubt war. Krass, oder? Die Schicht der Zivilisation ist ja sowieso immer noch sehr dünn und die Freiheitsrechte für alle noch sehr sehr sehr jung und lange nicht selbstverständlich.

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